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Das Los der Suchenden: über Duhkha

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Als Teil meiner Ausbildung zur Vinyasa-Yoga-Lehrerin habe ich im letzten Monat einen Klassiker unter den Yogabüchern gelesen: Desikachars “Yoga – Tradition und Erfahrung”. Aufgabe war es, einen Buchreport dazu zu schreiben – aber nicht einfach als Zusammenfassung (Zitat Natascha, Gründerin von CoolYoga: “Was drin steht, wissen wir schon.”), sondern als persönlichen Bericht, egal ob über einen Satz, ein Kapitel oder das ganze Buch.

Ehrlicherweise habe ich mich zunächst nicht so leicht damit getan. Seitenweise habe ich mich gefragt, worüber zum Teufel ich schreiben soll. Über eine Stelle bin ich dann aber gestolpert:

„Variationen sind aber nicht nur hilfreich, um ein körperliches Problem zu lösen. Mit ihrer Hilfe können wir auch vermeiden, dass aus der Asana-Praxis duhkha entsteht. Was für eine Person gut und möglich ist, kann für die andere gerade falsch sein und ihr große Probleme bereiten.“ (S.75)

Desikachar beschreibt duhkha als einen dunklen Raum, als das Gefühl von Eingeschränktsein oder erdrückt werden. Und so sehr ich meine Yogapraxis auch liebe, sie bereitet mir mitunter dieses erdrückende Gefühl. Denn ab und zu gibt es Klassen, nach denen mir dieses Yoga-High fehlt. Das Gegenteil tritt sogar ein: Nach diesen Klassen fühle ich mich erdrückt von meiner Unzulänglichkeit nicht die “Leistung” gebracht zu haben, die ich bringen wollte. In dem Moment ist es auch egal, woran es lag – ob an einer schlechten Tagesform nach zu wenig Schlaf, zu wenig trinken und viel Stress, oder auch weil ich manche Asanas, wie Chaturanga oder die Krähe, einfach (noch) nicht beherrsche. 

Tatsächlich habe ich angefangen, nachzudenken: Was löst dieses bedrückende, dunkle Gefühl aus? Warum entsteht duhkha – ausgerechnet nach einigen Yogastunden? Warum nimmt mich dieses eine, nicht bis in die letzte Variation vollendete, Asana so mit? Dann fehlen mir halt noch Kraft und Mut für Armbalancen – aber ich bin doch dabei und übe. Und der Rest der Klasse war doch richtig gut! 

Wenn ich ehrlich bin, ist die Antwort eigentlich ganz einfach: weil ich mich vergleiche. Denn auch, wenn ich nur kurz nach links und rechts schaue, sehen alle anderen Yogis so perfekt aus wenn sie durch’s Vinyasa fließen – nur ich nicht! Dabei übe ich doch auch schon so lange! Müsste ich nicht besser sein?

 

Duhkha und Avidya


Desikachar sagt: duhkha entsteht aus avidya. Wörtlich übersetzt bedeutet avidya soviel wie: “Wissen, das kein richtiges Wissen ist.” Damit aber nicht die fehlende Kenntnis über Dinge gemeint, sondern eher eine falsche Wahrnehmung oder besser: Eine Wahrnehmung, die durch unsere bisherigen Erfahrungen und Ansichten verschleiert und nicht mehr klar – sozusagen neutral oder objektiv – ist. 
Ausgedrückt und für uns wahrnehmbar wir avidya durch vier Dinge:

  • asmita: unser Ego
  • raga: das Verlanden
  • dvesha: die Ablehnung
  • abhinivesha: die Angst

Vielleicht entsteht mein duhkha beim Yoga aus meinem Ego heraus, aus asmita, das mir sagt: Ich müsste doch eigentlich besser sein! Ich übe schon so lange, ich bin doch gut im Yoga, ich müsste das können.
Oder es entsteht durch raga, dem Verlangen: Ich will nach einer Klasse dieses gute Gefühl, diesen Yoga-Bliss, das ich sonst auch habe! Ich will nicht darauf verzichten!

Dass es im Yoga nicht darum geht, sich in die kompliziertesten Asanas zu verknoten, weiß ich – zumindest in der Theorie. Es tat trotzdem gut, es noch einmal schwarz auf weiß bei Desikachar zu lesen:

„[…] die asana-Praxis ist kein sportlicher Wettbewerb. Nur weil eine Person sich mehr nach vorne beugen kann als eine andere, ist überhaupt nichts darüber ausgesagt, ob sie in der Yogapraxis weiter fortgeschritten ist.“ (S.20)

Okay, ich kann Chaturanga (noch) nicht. Aber ich kann Knie, Brust und Kinn langsam absenken, in meine Rückbeuge kommen und meinen Atem dabei fließen lassen. Diese Variation ist total okay. Mit meiner Praxis ist alles in Ordnung.

 

Practice and all is coming


Avidya und raga, das Ego und das Verlangen, haben in meiner Praxis nichts verloren. Trotzdem wird es mir vermutlich nicht gelingen, sie einfach so loszulassen. Doch auch hier passt mein Lieblingsmotto: Practice and all is coming.

Denn tatsächlich bemerke ich in meiner Praxis in den Klassen eine kleine Veränderung. So gab es vor kurzem in einer Klasse Momente, in denen ich mich hätte schlecht fühlen können, weil ich nicht jede Asana in der letzten Variation geschafft habe und an ein oder zwei Stellen in der einfacheren Variation geblieben bin oder sogar eine Pause brauchte. Aber ich habe versucht, bei mir und meinem Ujjayi-Atem zu bleiben – egal in welcher Variation. Und tatsächlich blieb das Gefühl von duhkha, von Enge und Bedrückung aus. 

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es mir nicht gelingen, mich nie wieder während der Yogapraxis zu vergleichen und hin und wieder einen Blick nach links und rechts zu riskieren. Aber das Buch von Desikachar hat mir ganz praktisch gezeigt, dass ich mich trotzdem auf den Weg des Yoga gemacht habe. Denn ich werde sensibler für mich selbst und meine Umwelt und lerne genauer hinzuschauen, um Dinge – die negativen wie die positiven – stärker wahrzunehmen.

Und er hat mich daran erinnert, dass Asana-Variationen nicht nur in Ordnung, sondern ganz natürlicher Teil der Yogapraxis sind. Auch wenn ich mein Chaturanga trotzdem weiter üben werde.

 

(Für diesen Bericht verwendet habe ich die 3. Auflage 2005 von Desikachar: Yoga – Tradition und Erfahrung)

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