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Der Versuch eines entschleunigten Lebens

Darf ich mal ganz ehrlich sein? Mein Leben fühlt sich manchmal gar nicht wirklich wie meins, sondern ganz schön fremdbestimmt an.

 

Ich muss Geld verdienen, ich muss meinen Verpflichtungen im Job nachgehen, ich muss mich durchsetzen, abgrenzen, vergleichen (lassen). Viel Druck, den ich dabei verspüre, mache ich mir selber. Dass man von mir mit über 30 erwartet, Kinder zu bekommen, hat mir Gegenüber niemand formuliert, ich gehe nur davon aus. Die Gesellschaft ist halt so.

Auch abseitig von Erwartungen und (selbstgemachtem) Druck hat mein Leben ganz schön Tempo. Mit mehr als einer Freundin einen gemeinsamen Termin zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man nicht bereit ist, weit im Voraus zu planen. Ständig tun sich kleine und große Baustellen auf. Kein Wunder, dass man manchmal das Gefühl hat, zu verlieren.

 

Wie geht es mir eigentlich?

Diese Frage stellte ich mir in den letzten zwei Jahren immer wieder. Dass Körper und Seele mit mir sprachen, merkte ich. Irgendwoher mussten die Rückenschmerzen und anhaltende Müdigkeit, die hartnäckige Erkältung im vorletzten Winter und die tiefen Täler ja herkommen. Auf mich selbst und die Signale meines Körpers hören, wollte ich aber nicht.

Trotzdem wurde der Drang nach Entschleunigung und das Bedürfnis, etwas für mich zu finden, immer größer.

 

Der Wald vor lauter Bäumen…


Die Sehnsucht nach Entschleunigung wurde größer – und mit ihr der Druck, den ich mir selber machte. Kann doch nicht sein, dass ich einen Freitagabend gern mal ganz allein auf der Couch verbringe. Kann doch nicht sein, dass im Garten rumrödeln als Entspannung zählt. Das bisschen Yoga? DAS IST DOCH NICHT GENUG! Ich brauche einen richtigen Ausgleich! 

Es ist beeindruckend, wie sehr ich mir selbst im Weg stehen kann. Denn mein Entschleunigungsprogramm lag die ganze Zeit vor mir – und zwar in aller Deutlichkeit. Denn viele der Dinge, die ich liebe, brauchen Fokus und Bei-mir-Sein oder zwingen mich zur Langsamkeit. Eine gute Bolognese braucht gut und gern ein paar Stunden auf dem Herd, es muss hier und da ein bisschen rumgerührt, abgeschmeckt und Wein nachgegossen werden. Dazu Nudeln selber machen und ein Hörspiel hören, ist Meditation pur. Im Garten werkeln, den Blauregen schneiden oder Laub harken, macht den Kopf frei und sorgt für eine große Portion Vitamin D gegen die tiefen Täler. Wenn ich es mir zuhause schön mache, Lieblingsblumen zusammenstelle und den Sonntag mit Hemi auf der Couch verbringe, könnte ich mir (manchmal) keinen besseren Tag vorstellen. Einmal im Jahr langweiligen Urlaub im dänischen Ferienhaus? Immer her damit!

Und halt Yoga. Immer wieder Yoga. Da bin ich ganz bei mir, egal ob zuhause oder in einer vollen Klasse. Die Praxis führt mich an meine Grenzen und ist manchmal unbequem. Aber dort lerne ich, mir selbst wieder zuzuhören, mich zu verstehen und gnädig mit mir zu sein.

Lisa-lyckaliv-Entschleunigung

Die Akzeptanz der Langsamkeit


Ich wünschte, ich könnte mich an den Moment erinnern, an dem ich im letzten Jahr feststellte, dass ich keinen richtigen Ausgleich brauche. Weil ich den Ausgleich zu Arbeits- und Freitzeistress bereits habe. Ich muss nur hinschauen und diese vermeintlich kleinen Aspekte wertschätzen, ihnen Raum geben.

Das Wörtchen “nur” müsste ich dabei allerdings in riesengroße Anführungszeichen setzen. Denn auch wenn ich das hier so lockerflockig runterschreibe, bin ich weit davon entfernt  den ganzen Tag tiefenentspannt und ausgeglichen zu sein. Aber hey: Das geht klar. Immerhin bin ich auf dem Weg. Und wie heißt es so schön:

Practice and all is coming.

 

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