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Yoga in Wildewiese: Die Intensivwoche der Yoga-Lehrerinnen-Ausbildung

Steinbergs-Wildewiese-Yoga

Der Wecker klingelt jeden Morgen um 05:30 Uhr. Meine Zimmermitbewohnerin und Mitauszubildende und ich steigen schweigend aus dem Bett, machen uns fertig. Um 6 trifft sich die ganze Ausbildungsgruppe zum Silent Walk. Schweigend spazieren wir eine halbe Stunde durch die Sauerländer Natur, jede in ihrem Tempo. 


Danach folgt unsere individuelle Morgenpraxis, gemeinsames Pranayama, also Atempraxis, oder Meditation und das Frühstück – alles schweigend.

Wir sind schon 3 Stunden wach, wenn der Ausbildungstag um 08:30 Uhr beginnt.

Schwer in Worte zu fassen: eine Woche Wildewiese

Anfang Juni sind wir, die angehenden Yogalehrerinnen der aktuellen Ausbildung bei CoolYoga, gemeinsam mit dem Ausbilderinnenteam nach Wildewiese ins Sauerland gefahren. Und auch wenn wir uns eine Woche im wunderschönen Naturhotel Steinbergs Wildewiese eingemietet hatten, war die Woche ausdrücklich nicht als Yogaurlaub angekündigt, sondern als Intensivwoche – und das war keine Übertreibung. Alles an dieser Woche war intensiv. Intensiv, bereichernd, außergewöhnlich und ganz nebenbei noch wahnsinnig lehrreich.

Kein Wunder also, dass ich ein bisschen Zeit brauchte, um diese Eindrücke in einem Blogartikel zu verarbeiten.

Die Tage starteten früh um 06:00 Uhr und waren straff durchgeplant. Im Fokus standen zwei der wichtigsten Yogaschriften, Patanjalis Yogasutra und die Hatha Yoga Pradipika, ganz viel Anatomie, Sequenzing und Assists und Adjust – plus täglicher Yogapraxis selbstverständlich.

Yoga-Raum-Wildewiese

Ganz schön lange Tage? Und ob! Wie sich am Ende mit etwas Abstand allerdings herausstellte, steckte dahinter ein durchdachtes Konzept.

Und gerade weil die Woche wirklich intensiv war – ich weiß, ich wiederhole mich – möchte ich jetzt auch gar nicht jeden Tag einzeln durchgehen, sondern euch stattdessen meine absoluten Highlights der Woche vorstellen.

Highlight 1: Schweigen

Wie gut es tat, gemeinsam zu schweigen und zu frühstücken! Für mich fühlte sich dieser ruhige Start in den Tag nicht eine Sekunde komisch an, im Gegenteil. Nicht reden zu müssen ohne dass es unangenehm wird, war wahnsinnig erleichternd. Allein der ein oder andere Hotelgast war bestimmt irritiert, dass diese 20 Frauen, die in Joggingshose oder Leggins im Frühstücksraum saßen, beharrlich nicht zurück grüßten 😉

Highlight 2: Dharma Talks

Das Thema hat mich in der Woche vor Wildewiese etwas zur Verzweiflung gebracht – tatsächlich so sehr, dass ich erst einmal googlen musste, was ich eigentlich tun sollte. Denn obwohl mir im Grunde klar war, was ein Dharma Talk ist, hatte ich keine Ahnung, wie ich anfangen sollte.
Einen Dharma Talk könnte man als die Einleitung einer Yogastunde beschreiben. Er dreht sich meist um das Thema, das die Basis für die Klasse bildet – Selbstvertrauen, Glück, die Vayus, Duhkha oder ähnliches.

Und genau so einen Talk sollte jede von uns für die Intensivwoche vorbereiten. Dauer ca. 5 Minuten, die Themen wurden zufällig zugeteilt. Mein Thema passte wahnsinnig gut zu mir – nicht: Mut. Ich halte mich selbst nicht für einen besonders mutigen Menschen – und vielleicht hatte ich mir gerade deshalb vorgenommen, meinen Talk so schnell wie möglich hinter mich zu bringe,, also meldete ich mich direkt am Sonntagabend. In meinem Talk erzählte ich, wie viel Mut es mich gekostet hat, mich nicht nur für die Ausbildung anzumelden, sondern überhaupt den ersten Schritt ins Studio zu machen, Christian (einem der Ausbilder und Yogalehrer bei CoolYoga) anzusprechen und laut zu sagen: Ich mach das jetzt.

Und tatsächlich ist schon das wirklich ernsthafte Yoga-Üben wahnsinnig mutig. Immerhin ist das Ziel die Erleuchtung, das Eins-Sein mit dem Universum und dem Göttlichen. Holy Shift!

Highlight 3: Sequenzing

Ich habe es schon an anderer Stelle erwähnt: Das Thema Sequenzing, also das Planen einer guten Yogaklasse, ist in der Ausbildung bei CoolYoga ganz zentral und hat darum auch in Wildewiese viel Platz eingenommen. Gemeinsam haben wir verschiedene Peak-Asanas analysiert, in Kleingruppen eine Klasse rund um eine bestimmte Peak-Asana geplant und eine 90-Minuten-Klasse von Natascha (Gründerin von CoolYoga) nach dem Üben in ihre Einzelteile zerlegt. Wir haben sie nicht nur anatomisch, sondern auch energetisch beleuchtet, haben uns Thema für entsprechende Dharma Talks überlegt und Zeitpläne aufgestellt.

Wie froh ich bin, dass dieses Thema einen so großen Stellenwert in der Ausbildung hat! Denn ob du einen Zugang zum Yoga und vielleicht deine Lieblingsyogalehrerin findest, steht und fällt nun einmal damit, wie die Klassen aufgebaut sind.

Highlight 4: Anatomie

Das Angstthema schlechthin wurde zum absoluten Liebling. Anatomie war mit fast drei Tagen in der Woche eingeplant – und entgegen aller Befürchtungen war es nicht eine Minute trocken und langweilig. Zu verdanken haben wir das Fall Beate Meyer, die den Anatomieteil seit über 10 Jahren in der CoolYoga-Ausbildung übernimmt. Sie ist Physiotherapeutin und Yogalehrerin bei Lord Vishnus Couch in Köln-Ehrenfeld und einfach großartig. In den drei Tagen sind wir den menschlichen Körper einmal von unten nach oben und von innen nach außen durchgegangen und haben immer wieder direkt am lebenden Objekt die anatomisch korrekte und gleichzeitig individuelle Asana-Ausrichtung geübt.

Ich habe in diesen drei Tagen mit Beate wahnsinnig viel mitnehmen und meinen Körper viel besser verstehen können. Ich weiß nun, dass sehr flexibel sein entgegen aller Vorurteile beim Yoga nicht zwangsläufig ein Vorteil sein muss – und dass ich darum unbedingt mehr für meine Muskeln tun sollte. Ich habe gelernt, wie ich meine Gelenke in bestimmten Asanas besser schonen kann und auch worauf ich bei meinen zukünftigen Schülern und Schülerinnen achten sollte – und wie viel wichtiger es ist, was die Asanas im Körper auslösen und weniger in welche Position sich die Schülerin verbiegen kann.

Highlight 5: Gemeinsames Chanten

Chanten stand am Freitagabend auf dem Plan und ganz ehrlich: Ich hatte wirklich so gar keine Lust drauf. Ehrlich gesagt war ich einfach fertig und hätte auch schon heimfahren können. Aber: Christian und sein Harmonium waren extra für uns ins Sauerland gereist, also wurde gemeinsam, bei weit geöffneten Fenstern und einer wunderschön untergehenden Sonne im Rücken gechantet. Und ach: Wie gut das getan hat und was für ein schöner, kleiner Abschluss dieses gemeinsame Singen war.

Highlight 6: Die gemeinsame Abschlussklasse

Obwohl wir am letzten Tag alle schon ziemlich durch waren, hatten wir noch eine klitzekleine Aufgabe bekommen: Als Gruppe sollten wir die Abschlussklasse vorbereiten und ansagen. Jede von uns bekam 4 Minuten Zeit und einen bestimmten Abschnitt der Klasse – bei mir waren es die sitzenden Vorbeugen. Man könnte nun meinen, eine von knapp 20 angehenden Yogalehrerin geplante Klasse würde sich ziemlich zerstückelt abfühlen, tatsächlich war das Gegenteil der Fall. Na klar, der ein oder andere Übergang war vielleicht mal etwas ruckelig oder die Zeit wurde knapp, aber Nataschas Sequenzing-Vorbereiten haben Erfolg gezeigt. Es war eine tolle, lustige Stunde und ein mehr als würdiger Abschluss der Woche.

Auf High folgt Low…

So großartig die Woche im Rückblick war, am Mittwochabend hatte ich meinen absoluten Tiefpunkt. Ehrlich gesagt möchte ich gar nicht groß darauf eingehen, aber es ging mir richtig schlecht. Nicht, weil ich an der Entscheidung, die Ausbildung zu machen, zweifelte – im Gegenteil. Aber diese intensive Beschäftigung mit mir selbst, ging nun einmal so gar nicht spurlos an mir vorbei. An dem Abend habe ich das Abendessen ausfallen gelassen und bitte stattdessen bei Nieselregen mit einer Drei-Fragezeichen-Folge im Ohr spazieren gegangen. Das hat gut getan, Kopf und Herz wieder aufgeräumt und es ging mir spätestens am Donnerstag viel viel besser.

Das Energie-Perpetuum-Mobile

Am Ende der Woche merkten wir fast alle, dass es körperlich so langsam bergab ging. Die ungewohnte Mischung aus viel und intensiver Bewegung und gleichzeitig viel sitzen (am Boden, nicht in bequemen Sesseln oder so), forderte ihren Tribut. Tatsächlich hatte ich erwartet, nach der Rückfahrt völlig erschöpft ins Bett zu fallen, aber das Gegenteil war der Fall: Ich war aufgekratzt, aufgeregt und einfach überglücklich. Und musste an das denken, was Natascha im Theorieteil zur Hatha Yoga Pradipika gesagt hat: Was viel Energie kostet, hat das Potenzial, uns auch viel Energie zu schenken – wie bei einem Perpetuum Mobile.

Die Wildewiese-Woche hat wahnsinnig viel Energie gekostet, aber auch so viel zurückgegeben. Sie war anstrengend und wirklich intensiv, hat uns aber nicht nur jede Menge Wissen geschenkt. Denn jetzt komme ich wieder auf dieses ausgeklügelte Konzept zurück, das ich am Anfang erwähnt habe: Ich glaube, die Tage waren nicht nur so voll, damit wir möglichst viel lernen und die Zeit gut nutzen. Sie waren so voll, damit wir fokussiert bleiben und uns eine Woche wirklich diesem einen Thema Yoga widmen können. Keine Zeit haben über Corona, die Arbeit, usw. nachzudenken, sondern wirklich wirklich nah bei uns sein können. Und das anstrengend und genau richtig so.

Auch für uns als Ausbildungsgruppe war die Woche wichtig. Wir sind enger zusammengerutscht und haben uns viel besser kennengelernt, als es ohne diese Woche möglich gewesen wäre. Wer also mit dem Gedanken spielt, eine ähnliche Ausbildung zu machen und eine solche Woche vielleicht sogar als Minus-Punkt wahrnimmt (teuer, kostet Urlaubstage, usw.): Lasst euch drauf ein. Es ist es allemal wert und wird euch ganz ganz viel schenken!

Ein großer Dank geht nicht nur an das CoolYoga-Ausbildungsteam, sondern auch an Steinbergs Wildewiese für das wunderbare Hotel, das großartige Essen und die Akzeptanz der verrücken Yogis, die morgens nie gegrüßt haben und den ganzen Tag in Yogapants und Birkenstock über’s Gelände gewandert sind.

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